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29. April 03

Wenn ich aus dem Schlafzimmerfenster sehe, blicke ich auf einen verkommenen Backsteinbau, eine verfallene Scheune auf einem verwilderten Hof- ein Teil des Nachbargründstücks, das durch eine Mauer getrennt an unserem Grundstück anliegt.
Hier hatte mein Uronkel gelebt.
Er war Alkoholiker gewesen.
Ein netter, etwas beschränkter Kerl, der immer in Hausschuhen durch die Stadt lief; und ich glaube einmal sogar im Schlafanzug.
Er rauchte wie ein Schlot, war alt, gutmütig, hilfsbereit und auch im schlimmsten Rausch gewaltlos.
Dennoch hatte ich als Kind immer Angst vor ihm gehabt, nur ein wenig; vielleicht war er mir auch einfach nur unheimlich, mit diesen alten dunklen kleinen Augen, seiner gebeugten Haltung, den Falten, dem Schmutz in den Klamotten, die von ihren letzten zwei Silben zerfressen waren, dem Schmutz auf der Haut und dem Geruch nach Schnaps und kaltem Rauch.
Und doch war da etwas, mit dem er uns als Kinder anzog: Er hatte immer Katzen um sich und von Zeit zu Zeit gab es Katzenjunge.
Ich sehe ihn heute vor mir: Er sitzt draußen im Hof, auf einem alten Hocker, mit einer Zigarette im Mundwinkel. Die Sonne scheint und er streckt ihr ein winziges Kätzchen entgegen um es von unten her auf sein Geschlecht hin zu begutachten. Ich hocke neben ihm und sehe ihm gespannt zu.
Ich glaube er lächelte.

Mit ihm gingen die Katzen.
Er war eines Tages friedlich im Schaukelstuhl entschlafen und seit diesem Tag waren seine Katzen spurlos verschwunden.

Seit dem vorletzten Sommer jedoch, beginnen Katzen die Ruine zu bevölkern.
Sie schlafen und dösen auf dem grasbewachsenen Dach der Backsteinbaracke in der Sonne, treffen sich zu Schäferstündchen, , jagen Mäuse, machen Musik und tragen Kämpfe ums Revier aus, wobei sie es unter Umständen zulassen, dass neue Katzen der Kommune beistoßen.
Es wurden mehr und mehr Katzen, die sich, soweit es möglich war, vom Menschen lossagten. Da waren Menschen, bei denen sie im Winter Unterschlupf suchten, da waren Menschen, bei denen sie ihr Fresschen abstaubten, wenn die Mäuse rar, oder sie gerade mal zu faul oder zu müde zum jagen waren.
Aber sie waren dem Menschen nicht Untertan, waren nicht Schmusetier oder Kindsersatz. Sie waren wild und frei und entschieden selbst, wann sie schmusen wollten.

Wenn ich aus dem Fenster blicke, kann ich sie beobachten, wie sie sage und schreibe zu zehnt oder elft in einer Reihe auf der Mauer zum von uns aus gesehen übernächsten Grundstück sitzen und glotzen.
Oft stolziert die eine oder andere, vom Schlafzimmerfenster aus fast greifbar nah auf unserer Mauer.
Dann rufe ich immer "Miez" und die Katze bleibt stehen, blickt mich verdutzt an und überlegt, woher sie mich kennen mag.
Ich liebe dieses Spiel, man kann es ewig spielen.

Selbst wenn die Katze schon wieder von der Mauer aufs Dach gewechselt hat, und ich im Brustton der Überzeugung "Miez!" rufe, dreht sie sich um, kommt womöglich wieder ein Stück zurück und guckt blöd.
Die allerhärtesten der Kommune sind da streng. Sie hören und sehen sehr angestrengt weg, wenden einem das Hinterteil zu und stolzieren ignorant und stolz weiter.

Ich hatte einen Kater, den ich sehr geliebt habe.
Seit dem Sommer im vorletzten Jahr jedoch lebt er in der Kommune und schaut nur sehr selten einmal vorbei, sei es aus Pflichtgefühl, Hunger oder tatsächlichem Besuchsanliegen heraus.

Janosch war die seltsamste, wunderbarste, vielleicht kann man es wagen zu sagen teilweise "menschlichste Katze" der ich je begegnet war.
Er machte Türen auf, indem er auf die Türklinke sprang. Er fraß Gurken, ja sprang sogar auf den Küchenunterschrank wenn ich Gurkensalat machte, um wenigstens die danebenliegenden Schalen zu fressen. Er machte dafür auch unaufgefordert Männchen und konnte ungewöhnlich lange auf den Hinterbeinen stehen.
Janosch sprang ins Abwaschbecken, wenn der Hahn tropfte, um mit den Wassertropfen zu spielen, Das tat er ausnahmslos immer, wenn sich die Gelegenheit bot.
Er schlief wahnsinnig gern in meinem Kleiderschrank, dessen Tür er sich dafür selbst öffnete. Wenn diese wie sonst so oft, ausnahmsweise nicht angelehnt, sondern abgeschlossen war, weckte er mich miauend.
Bis ich einschlief lag er bei mir und das unglaubliche, menschliche und berührendste dabei war, dass er mich, wenn ich in einem kleinen Abstand zu ihm lag, an sich zog.
Er legte seine Pfoten so gut er konnte um mich und versuchte mich heranzuziehen um schließlich sich selbst heranzuziehen und seinen Kopf unter meinem Kinn zu vergraben, mich dabei immer noch umarmend. Manchmal rührte es mich fast zu Tränen und meine Familie konnte schimpfen wie sie wollte- dieser Kater gab mir auf so menschliche Weise Trost und Wärme, wie sie es sich nie hätten vorstellen können.

Er war keine reine Hauskatze die sich ausschließlich unserer Familie verpflichtet fühlte, ging auch mal dann und wann auf die Jagd oder blieb für ein paar Tage bei anderen Leuten.
Aber das waren wenige Ausnahmen.

Eines Tages, er musste wohl wieder einmal für ein paar Tage weggewesen sein, erblickte ich ihn, als ich im Heizungskeller die Wäsche aufhängen wollte, völlig reglos im dortigen Fensterschacht, eingegraben ins Laub.
Im ersten Augenblick meinte ich, er wäre tot, bemerkte dann aber, dass er ganz leicht zitterte. Ich glaubte und glaube zu wissen, dass er sich dahin zurückgezogen hatte, um zu sterben. Als ich ihn verzweifelt immer wieder ansprach, öffnete er unter einem scheinbar enormen Kraftaufwand die Augen einen Spalt breit.
Er war durch nichts aus dem Schacht zu bewegen und fast schon wollte ich ihn sterben lassen, weil ich ihn nicht quälen wollte.
Aber da blieb ein Impuls, der mich veranlasste, meine Mutter den Tierarzt rufen zu lassen. Ich selbst wollte ihn jetzt nicht aus den Augen lassen, weil ich meinte, er könne jeden Augenblick sterben.
Der Arzt hob ihn mit dicken Handschuhen aus dem Schacht, packte ihn dabei am Nacken, was Janosch hasste und sonst furienhaft strafte. Und er wehrte sich nicht.
Der Arzt diagnostizierte eine schwere Katzenstaupe mit einer sehr geringen Überlebenschance. Er gab Janosch eine Spritze. Und er wehrte sich nicht.
Seine Glieder waren steif. Seine Gliedmaßen waren gelähmt.

Er stank unangenehm, sein Körper zitterte und zuckte; Augen und Nase trieften und aus dem Mund lief gelblicher übelriechender Ausfluss.
Keiner von uns konnte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, dass er überleben würde.
Dennoch zahlte meine Mutter Tag für Tag für die Spritzen und ich wachte Tag und Nacht bei ihm, kam zu einer Klausur zu spät und verpatze eine andere. Ich war so am Ende und hatte trotz weniger Hoffnung den Drang, alles zu versuchen.
Ich wechselte die Handtücher in seinem Korb die vom Urin trieften, ich flößte ihm Wasser und Nahrung mit einer Mundspritze ein. Ich massierte seinen versteiften Körper, seine Beine. Als wir die Entscheidung getroffen hatten, ihn einschläfern zu lassen, wenn bis zum nächsten Tag keine Besserung, keine Wille zum Leben sichtbar wurde, richtete sich Janosch auf.
Er fiel sofort wieder um, aber probierte es wieder und wieder, bis er längere Zeit in seinem Körbchen saß.
Die nächsten Tage waren voller Wunder und Hoffnung.
Am ersten Tag versuchte er zu gehen, auf den Vorderpfoten. Die Hinterbeine waren ineinander verkreuzt und noch völlig gelähmt und er versuchte sie immer einen kleinen schritt hinter sich herzuziehen, um sich dann wieder darauf abzustützen, fiel dabei immer wieder um. Ich gab ihm einen Fressnapf und einen Wassernapf in zwei Metern Abstand als Ziel, den er am zweiten Tag selbständig erreichte und aus dem er auch zum ersten mal wieder selbständig fraß, wenn auch nur wenig.
Die Verkreuzung der Hinterbeine löste sich und er "lief" wieder auf allen vieren, wobei die Beine immer noch fast steif waren und er wieder und wieder umfiel.
Am dritten Tag ging er aufs Katzenklo und hatte widerlich stinkenden, zutiefst flüssigen, aber immerhin Stuhlgang.
Nach etwa einer Woche lief er zwar humpelnd, doch relativ uneingeschränkt umher, fraß, trank, schiss, schnurrte, miaute und fauchte, dass es eine Freude war.
Seitdem hat er dieses Funkeln in den Augen.
Seitdem ist er voller Stolz, ja Arroganz, voller Übermut, Freiheitsdrang und Lebensfreude.
Nach ein paar Wochen hat er uns verlassen; und ich glaube, er hat die Kommune gegründet.

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