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2.

Maya erinnert sich an einen Teamlauf. Sie war mit ihrer Liebe gemeinsam an den Start gegangen und sie hatten ihren Sieg gemeinsam gefeiert, tanzend und lachend, überschwänglich, stolz und glücklich.


Maya liebt ihren Vater. Das weiß sie jetzt.
Jetzt, wo sie neben ihm im Auto sitzt und er lächelnd die Musik lauter dreht, die sie mitgebracht und eingelegt hat. Tom Liwa singt: „Sie haben gewartet, all diese Jahre, all diese nutzlosen Jahre, auf eine Zukunft ohne Fragen. Gib ihnen die Liebe, die sie nicht geben können. Wer soll es sonst tun, wenn nicht Du.“ Sie stimmt in den Appell mit ein, aufrichtiger als je zuvor. „Recht hat er“, flüstert sie jetzt, während sie es früher als eine Hoffnung und Ahnung mit sich herumgetragen und wieder und wieder gesungen hat.
Maya hat ihren Vater durchdringend und auffordernd angeschaut, während sie die Zeile laut mitgesungen hat. Sie möchte dass er sich darin wiedererkennt. Sich und Maya. Aber der Text scheint an ihm vorbeizufließen. Er ist bei seiner Tochter, ganz. Maya weiß, dass ihr Vater nicht auf den Text achtet, und sie weiß, dass er sich wohl fühlt. Er hat auch nicht einmal gemerkt, was passiert ist, denkt Maya. Er hat nicht gemerkt, dass er noch kein einziges Mal geflucht hat, seit Maya bei ihm ist, dass es weder die anderen Verkehrsteilnehmer, noch das Wetter, noch die Erinnerung an Streit mit Kollegen geschafft hatten, ihm den Tag zu vermiesen, oder auch nur, wie sonst selbstverständlich, lang und breit thematisiert zu werden. Er hat es nicht gemerkt, so wie er es nie gemerkt hatte, wie sehr er Maya und vielen anderen mit seinen alltäglichen Ausbrüchen Angst machte.

Mayas Vater ist Choleriker.
Nachdem ihre Mutter sich von ihm getrennt hatte und Maya alt genug war, zu begreifen, was all die Jahre vor sich gegangen war, übernahm sie das Wort, das ihrer Schwester für ihn geblieben war. Ein Wort, das Verletztheit und Verachtung spiegelte. Ein Wort, das ihren Vater in eine dunkle Schublade sperrte, zu der keiner den Schlüssel aufbewahren wollte, weil diese Schublade ihnen die Büchse der Pandora war. Wenn Maya auch nach außen hin und auch vor sich selbst absolutes Desinteresse an dem Verbleib des Schlüssels bekundete, so hatte sie ihn doch immer mit einer heimlichen Sehnsucht und Hoffnung im Auge behalten.

Mayas Vater war gutaussehend. Mit seiner sinnigen und ironischen Art, Menschen zum Lachen zu bringen, erfreute er sich schnell allgemeiner Beliebtheit. Er war als singender Zahnarzt bekannt, zu dem man gerne ging, weil er den Bohrer mit seinem Gesang übertönte und das Gefühl der Unannehmlichkeit und selbst Schmerzen durch seine gekonnten Parodien auf Rudi Carrell und durch die köstliche Verhöhnung der Bildzeitung lindern konnte. Es gab Momente in denen man vor ihm erschrak, in denen seine Stimmung ganz unerwartet und heftig umkippte. Da er es aber in der Öffentlichkeit immer dazu brachte, sich in Zaum zu halten und auf heitere, gekonnt darüber hinwegtäuschende Art wieder zu sich zurückfand, kannte keiner diese Seite an ihm wirklich. Man erahnte sie nur. Mayas Familie jedoch fürchtete sie.

Es waren unscheinbare Momente, die von einer Sekunde zur anderen das Haus in Angst versetzten, kleine Dinge, die Mayas Vater auf das Tiefste reizen konnten und ihn in Rage versetzten. Er fühlte sich in allem angegriffen, fühlte sich verfolgt, war so voller Angst und Missmut, ewig unzufrieden. Es waren Momente wie an jenem Tag, als eine Schwester ihm gekündigt hatte, weil sie sich von ihm „in die Enge getrieben und unzureichend respektiert“ fühlte, ihm die Zigaretten ausgegangen waren und er dann hörte wie Julia der Mutter eine schlechte Note in Englisch gestand und sie bat, dem Papa nichts zu sagen. Mayas Vater war darauf wutentbrannt ins Zimmer gepoltert, gebärdete sich wild und beugte sich über Julia: „Der Papa! Der böse gefährliche axtschwingende Papa, der gar nicht dein Papa ist, will von dir verdammt noch mal auch nicht so genannt werden!“
Maya hat immer wieder ein Bild vor Augen: Sie ist etwa 8 Jahre alt und sitzt auf der Toilette. Vor ihr steht ihr Vater, mit dieser ewig erhobenen Hand, dem wutverzerrten Gesicht, weit aufgerissenen Augen; So beugt er sich über sie und schreit und droht und droht und droht. Den Grund dafür weiß Maya nicht mehr, es gab im Einzelnen keine Gründe, nur Anlässe. Maya erinnert sich genau an die Angst, die sie in diesen Momenten hatte. Und an diesem Tag, als sie halbnackt und völlig hilflos vor ihrem Vater saß, und ihre Angst kaum größer hätte sein können, schrie er mit angsteinflößender Inbrunst und völliger Verzweiflung heraus: „Warum verdammt noch mal habt ihr alle Angst vor mir!!? Bin ich so ein verdammtes Arschloch?!!! Was hab ich nur an mir???!!! Was hab ich an mir...“

Er hatte Maya nur sehr selten geschlagen, und das war auch nie der Punkt gewesen. Maya musste zuschauen, wie die Ausbrüche ihres Vaters sich über ihrer Schwester entluden. Diese versuchte krampfhaft, sich vor Mayas Vater zurückzuziehen, doch je mehr sie sich zurückzog, desto größer wurden die Wut und der Hass Mayas Vaters. Alles was sich Tag für Tag in ihm aufstaute ließ er regelmäßig auf Julia niederprasseln, wenn es nicht mehr zurückzuhalten ging. Es konnte tagelang gar nichts geschehen, bis der Vulkan brodelnd und zischend alle Aggression in einem großen Schwall herausbrachte. Maya hatte Angst, musste unter furchtbaren Drohungen vor ihrer Mutter verschweigen, wenn sich ihr Vater wieder einmal verloren hatte, in seine Angst, den Wahn und die Wut. Und Maya hatte Schuld, eine Schuld, die Tag für Tag wuchs, die ihr auf den Schultern und im Kreuz schmerzte, als eine kaum mehr tragbare Last. Maya hatte keine direkte Liebe von ihrem Vater erfahren. Es gab jedoch etwas, durch das ihr signalisiert wurde, dass ihr Vater etwas für sie übrig hatte: Wenn Maya und ihre Schwester in Streit gerieten, stellte sich Mayas Vater auf ihre Seite, um die Schwester zu richten. Sie war wieder verschont worden, obwohl sie doch eigentlich dran gewesen wäre, den Hund Gassi zu führen, obwohl sie doch angefangen hatte ihre Schwester zu ärgern, obwohl sie doch genauso vom Kuchen genascht hatte.

Im Rückblick befürchtete Maya, dass sie als Kind Gefallen daran gefunden hatte, ihre Schwester zu provozieren und zu verpetzen und sich in die Opferrolle zu drängen, weil sie so unbewusst die Aufmerksamkeit ihres Vaters auf sich zog und damit immer wieder seine beschränkte Art, Zuneigung zu zeigen erleben durfte.
Mayas Vater ließ Menschen nur begrenzt an sich heran. Er machte sich für sie interessant, er brachte sie zum Lachen, aber er gab nie das zurück, was zu Freundschaften hätte führen können. Maya hatte ihn nie jemandem die Chance geben sehn, ihn zu lieben. Das heißt nicht, dass er es nicht nötig gehabt hätte. Gerade er hätte es wohl so nötig gehabt, wie kein anderer, der Maya vertraut war. Aber Mayas Vater hatte nie daran geglaubt, dass er liebenswert sein konnte.

Maya hatte es als Erleichterung empfunden, als ihre Eltern sich getrennt haben. Den Anlass weiß Maya nicht mehr, aber es war wohl der Punkt gewesen, an dem auch der Vulkan in Mayas Mutter nicht mehr am Ausbruch gehindert werden konnte. Sie hatte in dieser Nacht nach der Trennung bei ihrer Mutter gelegen und diese bat Maya um Verzeihung, während Maya sie mit allen auffindbaren Argumenten davon zu überzeugen suchte, dass es so besser war; und Maya war davon überzeugt. Aber an diesem Abend begriff sie, dass es in all den Jahren um sie gegangen war, dass ihre Mutter ihr den Vater nicht hatte nehmen wollen. Damit wuchs Mayas Schuld. Sie allein war für ihre Mutter der Grund gewesen, mit einem Mann zu leben der keine Liebe hatte, nicht für sie, und nicht für ihre älteste Tochter, und das, was er für Maya im Herzen trug, hielt er krampfhaft zurück, als fürchtete er, der Liebe zu erliegen, wie ein Reh dem Gewehr; ein Mann der sich dafür geschämt hatte, dass er trotz seiner Unfähigkeit zu lieben und trotz anderer schwerer Unzulänglichkeiten von Mayas Mutter angenommen wurde, und der Scham entflohen war, indem er alles Liebenswerte an sich verkümmern ließ, so lange bis keiner mehr tragen konnte und wollte, was von ihm übriggeblieben war.

Maya telefonierte zunächst nicht mit ihrem Vater, denn sie wartete darauf, dass er anrief. Sie hatte 12 Jahre lang mit ihm gelebt und es fühlte sich nicht an, als wäre ihr etwas genommen worden. Es kam zu obligatorischen Anrufen zu den Geburtstagen und zu Weihnachten und später gab es auch einige wenige Anrufe außer der Reihe von ihr. Ihr Vater nutze sie, um ihr von seinen Problemen zu erzählen, wobei er nicht einmal das Thema Sex ausschloss. Als Maya beschlossen hatte, ihren Vater niemals wieder von sich aus anzurufen, begann sie nach einiger Zeit plötzlich Sehnsucht zu empfinden. Es war neu und auf eine komische Weise schön. Ein Kribbeln, von dem sie nicht wusste, was es für eine Berechtigung hatte. Ihre Wut war zu diesem Zeitpunkt stärker. Sie wollte ihm trotzen. Sollte er doch versauern, ohne Tochter, ohne jemanden der ihm zuhört, und ohne seine Chancen genutzt zu haben. Aber mit der Zeit wuchs dieses Kribbeln, Maya wurde hibbelig und wütend, sie schrie ihren Vater innerlich an, verfluchte seine Sturheit und flehte um seine Zuneigung. Und Maya rief ihn an, sollte er noch eine Chance haben, sie war ja kein Unmensch, wenn nicht die Gnade in Person.
Sie wartete mit Vorwürfen auf seine Stimme. Das einzige was davon übrigblieb, war die Frage, ob er wegen ihrer Mutter nicht anrief. Ihr Vater wurde darauf still und das war er nie gewesen. Er seufzte und stimmte zu. Nach und nach kam eine intensive Unterhaltung zustande, Mayas Vater machte zwar die Mutter zum Thema und zur Schuldigen, aber nur äußerlich. Maya hörte es doch, sie wusste, dass er sich schämte, dass er sich verfluchte, dass er an sich zweifelte wie kein anderer und diese Zweifel wie kein anderer zu verbergen wusste. „Scheiße“, dachte Maya nach dem Telefonat und versank in eine Träumerei, die erst der Anfang sein sollte.

Mit Mayas wachsender Bereitschaft zu verstehen, begann sie in ihrem Vater einen einsamen, kranken und verbitterten Mann zu sehen, der ein sehr schlechtes Bild von sich selbst hatte und immer tiefer in dieses hineingewachsen war. Das Gute, das Mayas Vater nicht mehr in sich sehen konnte, war überwuchert worden. Maya entdeckte seine Hilflosigkeit, seinen Verfolgungswahn, seine Unfähigkeit sich zu öffnen und zuzulassen, was an Sehnsucht, Zartheit und Liebe in ihm wartete.
Maya entschied sich, der festen Überzeugung zu sein, dass kein Mensch bösartig geboren wird und äußere Umstände eine Zerstörung in ihrem Vater ausgelöst hatten, gegen die er allein nicht fähig war anzukommen. Maya konnte nicht genau hinterschauen, welche Einflüsse ihren Vater auf welche Art geprägt hatten. Sie kannte seinen Vater, dessen wütendes Augenrollen ein häufiges Bild war. Er war Choleriker. Sie hatte erfahren, dass seine Mutter frühzeitig gestorben und dass sie ein liebevoller Mensch gewesen war. Sie kannte seinen Bruder, den sie niemals herzlich erlebt hatte, dem die Strenge ins Gesicht geschrieben und die Liebe im Herzen zugefroren war. Irgendetwas musste passiert sein, dass Generation für Generation, jedem Familienmitglied wie ein Stein auf der Seele liegengeblieben war, der Kreislauf der Erziehung schien Maya endlos. Dass Maya keine Liebe von ihrem Vater erfahren hatte, könnte heute der Grund für ihre Angst sich zu verlieben sein. Die Flucht ihres Vaters vor dem Leben könnte der Grund für ihre Flucht vor dem Leben und ihre ewige Unzufriedenheit sein. Dass sie oft ungehalten war und es nicht einmal merkte, dass sie Probleme damit hatte, andere Menschen und ihre Probleme wirklich wahrzunehmen und sehr mühsam daran arbeiten musste, dass Maya sich oft in allem angegriffen fühlte, all das rührte von dem Erleben ihres Vaters. Maya musste so heftig aufpassen, dass sie diesen Kreislauf stoppte, dass sie ihre Ängste und diese Wut nicht auf seine Weise verarbeite. Statt zur Furie zu werden, weinte sie. Weinen war oft ihr einziger Ausweg. Sie fühlte so wahnsinnig viel, war so wahnsinnig verletzbar, dass sie oft glaubte, daran zerbrechen zu müssen.
Und wenn man ihrem Vater verboten hatte zu weinen? Wenn man ihn gezwungen hatte, stark zu sein? Wenn er Kälte und Härte erfahren hatte, ein Mann sein sollte und all diesen Schmerz zurückhalten musste? Wenn er wie Maya oft geglaubt hat, an seinen Gefühlen ersticken zu müssen? Was war, wenn er an dem, mit dem Maya mühsam gelernt hatte umzugehen, ja es für sich und ihre Umgebung zu nutzen, kaputtgegangen war? Einfach erkrankt? Zerbrochen? Dann war ihr Vater vielleicht immer noch kein guter Mensch ohne Schuld. Aber jemand, dem man lernen kann zu verzeihen und: Kein Unmensch. Woher sollte man annehmen, dass Mayas Vater die Kraft gehabt hätte, sich gegen das zu wehren, was ihn kaputtgemacht hatte. Und warum ging man nicht davon aus, dass er aus eigener Kraft nicht fähig war, zu dem zurückzufinden, dass in uns allen an Liebe, Mut und Herzlichkeit verborgen liegt.
Maya hat ein Experiment begonnen, ähnlich wie ihre Mutter, die mit dem Versuch gescheitert ist, den Vater zu einem guten Menschen zu machen. Maya wird so tun, als wäre er es schon. Was sie bereits weiß, ist, dass Verachtung und Wut es niemals zu etwas bringen werden und dass man mit dem Versuch zu verstehen weiter kommen kann, dass man es versuchen muss, dass Vergeben heilen kann. Es klingt religiös, vielleicht auch naiv. Es gab Menschen, die Maya sagten: “Vergiss dieses Arschloch einfach.“ Maya ist heute dankbar, dass sie nicht auf sie gehört hat, und was sie vorhat fühlt sich unbeschreiblich gut an.
Maya hat nicht viel getan um ihre kleine Welt zu retten. Es gibt keine konkrete Handlung, von der ich zu berichten weiß. Sie hat nur ihre Gedanken neu geordnet und den Mut gehabt, ihren Vater mit anderen Augen zu betrachten. Mit dieser Bereitschaft ist sie ihrem Vater erneut begegnet, mit dem Versuch zu vertrauen und zu achten. Sie gab ihm das Gefühl, mehr in ihm zu sehen. Sie begegnete seinen Ausbrüchen mit Ruhe und Sanftmut. Sie lächelte. Sie gab jede freundliche Geste doppelt zurück, nicht aus Prinzip, sondern aus fester Überzeugung, aus der Bereitschaft, bedingungslos zu lieben. Schon nach kurzer Zeit setzte die erste Heilung ihrerseits ein: Sie hatte keine Angst mehr.
Und es hat sich eine Wendung vollzogen: Mayas Vater ist seit jenem Tag, an dem sie sich vornahm, eine sehr umfassende Art von Vertrauen in ihn zu setzen, ruhiger geworden, Maya hat erlebt, dass er zuhören und schmunzeln kann und sogar Nähe sucht, ihr die Hand auf die Schulter legt, sie umarmt, seinen Geiz verliert und sich öffnet. All das steht in den Anfängen, aber es ist ein guter Weg, und ein Wunder. Wenn ein Mensch spürt, dass Du sein Vertrauen in ihn setzt, dass Du ihn verstehen möchtest, dass Du das Gute in ihm siehst, dann wird es ihm womöglich peinlich sein, dich zu enttäuschen.
Maya kennt ein Geheimnis. Es beinhaltet die einfache Formel für das Durchbrechen eines furchtbaren Teufelskreises. Sie möchte das Geheimnis teilen; sie möchte es so lange verbreiten, bis es keines mehr ist, für niemanden.
Maya hat sich mit Liebe gewappnet und ihrem Vater ein neues Leben geschenkt, das spürt sie deutlich, jetzt, wo sie mit ihrem Vater in die Tür tritt, wo ihn seine Freundin zärtlich empfängt, mit Liebe im Blick und voll erfüllter Erwartung. Dass Maya in den Augen ihres Vaters auch nichts anderes erkennen kann, rührt sie zu Tränen.
Maya liebt ihren Vater.

 

 

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