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06. April 03

Schaukeln zu gehen,
ist mir immer wieder ein kleiner Neuanfang und die Rettung..
Wenn ich schaukle und dabei den Himmel und die Baumkronen betrachte,
den Wind im Haar habe,
so muss ich fast immer lachen oder weinen,
in jedem Fall fühle ich; und wundersamerweise tauchen erlebte Geschichten auf,
von eben oder vor längerer Zeit, um beendet zu werden.

Es sind nahezu grundsätzlich traurige Erlebnisse; beispielsweise wie ich furchtbar geweint und gelitten habe, mehr als ich musste, damit meiner Mutter etwas leid tut oder sie sich schuldig fühlt- ein Themenkomplex, der mehrere Geschichten enthält.

Das Schaukeln an einem Frühlingstag durchflog einige bedeutsame und fasste sie alle zusammen.

Ich war damals in den Teufelskreis geraten, meine Mutter mit meinem Weinen berühren und erweichen zu wollen.
Sie reagierte fast immer äußerlich kühl auf Tränen, machte sich vollkommen zu, sobald ich anfing bei einem Streit zu weinen, vor allem wenn sie keinen Grund sah.
Um so mehr sie sich zumachte, um so verzweifelter steigerte ich mich in meine Tränen hinein, bis zur Ekstase, mit dem verzweifelten Ziel, dass sie Mitgefühl zeigt.
Und je mehr ich weinte, desto mehr machte sie zu.
Über die Jahre wurden die Anlässe scheinbar geringer und das Weinen heftiger, und ich litt dermaßen an jeder kleinsten Verletzung und jedem ignorierten Weinen, dass ich irgendwann doch mit einem Loch im Herzen aufgeben musste und mich von da an zum Weinen zurückzog.
Womöglich habe ich deshalb große Probleme mich in den Arm nehmen und trösten zu lassen, wenn ich weine, obwohl ich mich so danach sehne...

Auf dieser Schaukel lebe ich von Zeit zu Zeit die Geschichten noch einmal, mit denen ich nicht abschließen konnte und verfalle in Lösungen, jede davon ein großes Geschenk.

So erkannte ich plötzlich, wie sehr meine Mutter mit jedem dieser Dramen gelitten hatte, wie sehr sie mein Weinen verletzt und berührt hatte, und ich wusste plötzlich, dass sie sich wohl sehr oft danach zurückgezogen hatte, um zu weinen; dass ich sie immer erreicht hatte, nur ohne es sehen zu dürfen.
Wir hatten aneinander vorbeigeweint und -gedacht.
Vielleicht hatte sie Angst, ich würde verweichlichen, zu sensibel werden, so empfindsam wie sie es früher offensichtlich war und im Verborgenen heute ist, wenn sie mir nicht das Weinen abgewöhnen und mich damit lehren würde stark zu sein.
Dass sie damit das Gegenteil erreichen würde, konnte sie nicht wissen.
Andererseits wollte sie sich wohl auch selbst schützen, baute Mauern auf, um sich nicht verwunden zu lassen, und ward es doch, selbst durch sie hindurch, und blutete stetig, ohne dass es jemand sah. Sie spannte den Schirm vor dem Regen und hatte doch, darunter verborgen, ihren eigenen Regen.
Wie unnötig ich ihr und mir selbst so lange wehgetan hatte...
Wie unsinnig es war, energisch um Beweise für etwas zu kämpfen, an das ich doch im tiefsten Inneren glaubte....

Das dachte ich auf dieser Schaukel und musste lachen, weil ich schaukelte, weil der Himmel blau war, die Sonne mich wärmte, der Wind mich erfrischte, meine Tochter im Kinderwagen selig schlief und ich eine Mutter hatte, die mich von Herzen liebte.

 

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